Gedenkveranstaltung Belgierkaserne Graz 2. April
Gemeinsam mit dem Heeresgeschichtlichen Museum haben das Militärkommando Steiermark, das Land Steiermark und die Stadt Graz sowie die Abteilung für Historische Angelegenheiten des Bundesministeriums für Inneres den Gräueln des Massakers in der ehemaligen SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf gedacht.
Im heurigen Gedenkjahr 2025 jährt sich auch das Massaker vom 2. April in der ehemaligen SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf zum 80. Mal. Aus diesem Anlass hat das Heeresgeschichtliche Museum gemeinsam mit dem Militärkommando Steiermark zur Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die über 200 Opfer geladen, in deren Zuge eine Gedenktafel des BMI für den Widerstandskämpfer Egon Berliner, als Stellvertreter aller Opfer, enthüllt wurde.
Nach der Begrüßung durch den Militärkommandanten der Steiermark Brigadier Heinz Zöllner und den steirischen Landtagsabgeordneten Stefan Resch gab es eine berührende Rede von Direktor Georg Hoffmann - um zu gedenken, zu erinnern, aber auch um Verantwortung einzumahnen, an jenem Ort der heute den Namen Belgierkaserne trägt und an welchem die hinterlassenen Narben der NS-Schreckensherrschaft noch deutlich sicht- und spürbar sind:
"Heute, genau vor 80 Jahren, am 2. April 1945, wurden an dieser Stelle über 200 Menschen von Angehörigen der Waffen-SS und der Grazer Gestapo ermordet – nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Es war ein von langer Hand geplantes Verbrechen. Im Auftrag des steirischen Gauleiters Sigfried Uiberreither wurden unterschiedliche Gruppen von Menschen in die damalige SS-Kaserne Wetzelsdorf gebracht: Widerstandskämpfer:innen, politische Gefangene, Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, Kriegsgefangene aus Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion. Ihre Namen sind uns durch eine Todesliste bekannt.
Die größte Gruppe jedoch bildeten ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Sie wurden – am Ende ihrer Kräfte – aus den Kolonnen eines Todesmarsches in Richtung KZ Mauthausen hierher verschleppt. Wer sie waren? Wie sie hießen? Woher sie kamen? Wer sie liebte, wer sie suchte? Wir wissen es nicht. Das NS-Regime hat ihnen nicht nur ihr Leben, auch ihre Würde und ihren Namen geraubt. Sie verschwanden in der Anonymität des Terrors. Ihren Familien wurden damit Gewissheit und ein Ort für Ihre Trauer genommen.
In der Nacht vom 2. auf den 3. April 1945 sowie an den Folgetagen wurden diese Menschen brutal ermordet. Ihre Leichen wurden schließlich in Bombenkratern verscharrt. Die Täter versuchten, ihre Spuren zu tilgen – einige Leichname wurden später zum Schießplatz Feliferhof verbracht. Und doch blieben Massengräber hier bestehen. Die Kiesbeete hier verweisen darauf – still, unscheinbar und doch von unermesslicher Bedeutung.
Meine Damen und Herren, die Täter handelten nicht im Affekt. Sie folgten einer verbrecherischen Ideologie, die auf der Ungleichheit der Menschen, auf Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt gründete und Ausdruck jener rassistischen, antisemitischen und totalitären Weltanschauung war, die Millionen das Leben kostete. Das Verbrechen selbst wurde nie juristisch geklärt, die Täter nie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Wir müssen uns fragen: welche Lehren haben wir gezogen? Haben wir die Opfer vergessen? Erweisen wir uns ihrem Andenken würdig? Stellen wir uns diese Frage – gerade heute, Generationen später – wo die Geschichte, die Erinnerung zu verblassen scheint, nein droht.
Die Namenlosen mahnen uns ebenso wie die wenigen, die wir kennen: Dass Erinnerung nicht nur um der Vergangenheit willen geschieht, sondern um der Gegenwart und Zukunft willen. Dass unsere Demokratie, unsere Freiheit, unser Zusammenleben niemals selbstverständlich sind. Dass wir sie immer wieder verteidigen müssen – gegen das Vergessen, gegen Relativierung, gegen Hass.
Ein wichtiger Schritt ist es, den Opfern ihre Namen zurückzugeben. Heute tun wir dies exemplarisch – durch das Gedenken an Egon Berliner, ein junger Wiener jüdischen Glaubens, der im Dienst der britischen Armee stand. Berliner kehrte in das Land zurück, von wo er einst vertrieben worden war, und riskierte sein Leben im Kampf gegen das NS-Regime. Er wurde verraten, verhaftet, gefoltert – und schließlich an diesem Ort ermordet. Sein Name und sein Schicksal stehen heute für viele, die hier ihr Leben verloren.
Möge dieser Ort nicht nur Ort des Gedenkens sein, sondern auch Ort der Aufklärung, des Lernens und des Zusammenhalts. Mögen wir alle – als Gesellschaft – aus der Geschichte Kraft ziehen, um für eine Welt einzustehen, in der die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar ist.
Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor Egon Berliner. Ihr Leid soll uns Mahnung sein.
Ihr Mut soll uns Beispiel sein. Ihr Andenken soll uns Auftrag sein. Danke."
Im Anschluss folgte die Rede von Stephan Mlzoch (Historische Angelegenheiten, BMI) sowie die gemeinsam Enthüllung der Gedenktafel für Egon Berliner. Nach den Worten von Generalmajor Martin Dorfer erfolgten die Kranzniederlegungen, unter dem Beisein der deutschen und französichen Militärattachés.
Dank gilt auch dem BMLV und dem ÖBH für die Errichtung des Gedächtnishain Belgierkaserne sowie dem Militärkommando Steiermark für dessen Erhalt und Pflege. Ausserdem Stephan Mlzoch (BMI) für die Gedenkinitiative und Nicole-Melanie Goll für ihre geleistete Forschungsarbeit zur SS-Kaserne Wetzelsdorf und ihre wissenschaftliche Einordnung durch einen Vortrag im Anschluss an die Gedenkfeierlichkeiten. Die Veranstaltung wurde von einer Abordnung der Militärmusik Steiermark würdevoll musikalisch umrahmt.
Am Nachmittag nahm uns Direktor Georg Hoffmann noch mit zu einem Rundgang auf dem Feliferhof, einer Hinrichtungsstätte der SS, um auch hier der Opfer zu gedenken.
© HGM Öffentlichkeitsarbeit





